Lebensgeschichte
Engagiert, mutig, unerschrocken.
Ulrike Dierkes
Foto: © Ulrike M. Dierkes
Foto: © Ulrike M. Dierkes
Kein Kind von Traurigkeit
Weltschmerz?
Dass ich nicht lache!
Bin ich traurig, dass es mich gibt?
Dass man mich nicht liebt, macht
mich frei, denn mein Herz schlägt
für mich selbst, die, die ich liebe
niemand, ausser mir, beherrscht
und besitzt meinen kühlen Kopf,
und meine Seele gehört nur mir.
Ich beherrsche die Kunst,
den Kopf hängen und die Seele
baumeln zu lassen, so konnten
sie mir nichts anhaben, meine Seele
nicht amputieren, mich nicht köpfen
und nicht rückgängig machen
Ich halte mich an das Grundgesetz,
nämlich die Grundverfassung des
21. Jahrhunderts
„Sie wird Melancholie heißen“,
prophezeien Berliner Kuratoren,
„Melancholie hat nichts gemein
mit Depression, Depression ist
ein Leiden, Melancholie Chance“.
So danke ich denen, die mich mir,
meinem Leben, geschenkt haben
und damit die Chance zu mir selbst.
(Ulrike M. Dierkes, 2006)
Geschrieben anlässlich der
Melancholie-Ausstellung Berlin
„Melancholie - Genie und Wahnsinn
in der Kunst“ - Neue Nationalgalerie
Im Oktober 2007 gab es endlich das Bundesverdienstkreuz für die Journalistin und Schriftstellerin Ulrike M. Dierkes (50). Die Stuttgarterin begleitet mit dem von ihr gegründeten Verein „M•E•L•I•N•A Inzestkinder/Menschen aus VerGEWALTigung e.V." Kinder, die aus einem Inzest hervorgingen. Dierkes selbst entsprang einer Vergewaltigung: ihr Vater missbrauchte seine Tochter sexuell seit ihrem siebten Lebensjahr. Mit ihrem Buch „Schwestermutter" löste Dierkes über die Grenzen Deutschlands hinweg ein Medienecho aus. In diesem Buch, das inzwischen in der fünften Auflage vorliegt, zeichnete sie ihren Lebensweg auf. Sie trat damit die erste große Diskussionswelle über dieses Tabuthema los, das trotz der damaligen öffentlichen Aufmerksamkeit bis heute eines geblieben ist. Immer noch sei es schwer, Spenden für die Vereinsarbeit zu erhalten, so die Stuttgarterin. Autorin Stefanie Heine erzählte sie, wie es ihr heute mit ihrer Geschichte geht.
R.: Frau Dierkes, hinter Ihnen liegen 50 Jahre - Jahre der Suche nach sich selbst, der Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Gewalt. Welche Attribute würden Sie diesem Weg geben?
Engagiert, mutig, unerschrocken.
R.: Wer war Ulrike, als sie 25 Jahre alt war und wer ist sie heute?
Die Ulrike der ersten 25 Jahre führte ein fremdbestimmtes Leben. Alle wussten mehr über sie und was gut für sie war, aber wirklich gut tat ihr niemand. Mit 17 Jahren verließ sie das Elternhaus und glaubte, damit der Atmosphäre und den Auswirkungen des Inzest-Verbrechens an ihrer Mutter zu entkommen. Aber sie wusste zu wenig vom Leben außerhalb dieses Elternhauses... Ich glaubte, ich hätte das Schlimmste überlebt, mir könne nichts mehr passieren. Doch ein Leben, das durch ein Gewaltverbrechen beginnt, heilt nicht allein durch einen Ortswechsel. Auch wusste ich nicht, dass ich ein traumatisierter Mensch war und worunter ich eigentlich litt. Niemand fragte nach meiner Befindlichkeit, es gab keine Beratungsstellen oder gar Hilfe für Inzestbetroffene. Der Verlust meines ersten Kindes kurz nach dessen Frühgeburt war für mich wie das Ende meines eigenen Lebens. Mit einem Suizidversuch reagierte ich auf Ohnmacht und Verzweiflung, weil ich nicht mit der zu Grunde liegenden Wahrheit meiner Existenz umzugehen wusste. Obwohl mein zweites Kind geboren wurde, scheiterte die erste Ehe nach sechs Jahren. Mit 24 Jahren stand ich vor einem Scherbenhaufen meiner Hoffnungen, Sehnsüchte und Wünsche. Die nächsten 25 Jahre verliefen anders. Nach meinem Suizidversuch kämpfte ich entschlossener als je zuvor um ein selbstbestimmtes Leben. Einige Leute hätten es lieber gesehen, wenn ich nicht überlebt hätte. Dann hätten sie nicht mit mir teilen müssen. So hatte ich nur meinen Beruf als Journalistin und Schriftstellerin, der mir half, Schweigen und Sprachlosigkeit zu brechen. 1983 ging ich nach Stuttgart, lernte dort meinen zweiten Mann kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, drei Wochen später heirateten wir. An seiner Seite fand ich das Glück einer eigenen Familie, wir bekamen zwei gemeinsame Kinder. In Stuttgart fand ich eine neue Heimat. Mit der Ulrike, die Akten studierte, Bücher schrieb, Rechtsanwälte mit der Wahrnehmung ihrer Rechte beauftragte, konnten manche Leute nicht gut umgehen. Ich löste mich endgültig von meiner Herkunftsfamilie. Ich lernte aber auch, dass Selbstbestimmung mit Selbstverantwortung einhergeht und Rechte auch mit Pflichten verbunden sind.
R.: Sie wurden als Kind tief verletzt. Haben Sie trotz allem Kontakt zu Ihrem unverletzten inneren Kind; von dem man sagt, jeder Mensch trage es in sich?
Das innere Kind war das erste Kind, das ich aus Chaos, Dramatik und Grausamkeit eines Inzest-Verbrechens retten musste. Obwohl ja meine Mutter das eigentliche Inzestopfer war, haben sich alle Auswirkungen auf mein Leben übertragen. Wenn auch anders, wirkten Tragik und Trauma wie eine Hypothek, überschatteten mein Sein und lasteten als zentnerschwere Last auf meiner Seele. Schließlich erkannte ich, dass ich das Verbrechen an meiner Mutter nicht aufarbeiten und ungeschehen machen kann, und sich für mich andere Aufgaben, Chancen und Wege auftun. Meine Mutter war ja mit 13 Jahren noch ein Kind und der Inzestvergewaltiger - unser beider Vater - wusste ja nichts von meiner Zeugung und Entstehung. Folglich erlebte ich in ihrem Mutterleib ihre anhaltenden dauernden Vergewaltigungen. Meine Mutter konnte nicht bewusst mit mir im Mutterleib kommunizieren, aber ihre Not und Verzweiflung sind mir, logisch, nicht entgangen. Ich wusste also schon bei meiner Geburt, was Alleingelassensein bedeutet, welche Einsamkeit und Traurigkeit, ja Verzweiflung Inzestopfer erleiden. Ich muss wohl alles getan haben, unentdeckt zu bleiben, damit es für eine Abtreibung zu spät war, damit unser beider Vater durch meine Geburt als Beweis des Inzests angeklagt, überführt und verurteilt werden konnte. Damit dieses Martyrium ein Ende hatte. Danach erkannte ich, dass mir alle hierfür notwendigen Begabungen, erforderlichen Kräfte und Kraftquellen mitgegeben wurden. Last but not least das hierzu erforderliche Wissen, das ich durch meine vorgeburtlichen Erfahrungen mitbrachte. Ein wertvoller Schatz! Aber mir war auch stets bewusst, in welchen Gefahren ich als Beweis dieses Verbrechens schwebe. Und deswegen passe ich heute auf wie ein Luchs.
R.: Wie haben Sie den Kontakt zum inneren Kind hergestellt?
Kurz nachdem ich von meiner inzestuösen Abstammung und dem Verbrechen an meiner Mutter erfuhr, also mit 11 Jahren, begann ich zu schreiben. Schreiben entsprach 1968 ohne Fernseher im Elternhaus, ohne Mobiltelefon oder Internet einer ganz anderen Intensität der Kommunikation, als vielleicht heute im Zeitalter der technischen Kommunikationsvielfalt. Die unangeforderte Informationsflut wie heutzutage, gab es zu dem Zeitpunkt nicht. So war das Schreiben der direkteste und ungefilterte Kontakt und Zugang zu mir selbst. Er förderte unbeschönigt zutage, was in mir schlummerte. Auch Aggressionen, auch Hass, auch Wut. Es beendete zumindest aber die Isolation, da meine Artikel und Gedichte schon ab 14 in Jugend- und Schülerzeitungen erschienen.
R.: In Ihrem Buch „Schwestermutter" schreiben Sie, dass Sie heute vor sich selbst stehen können. Welche Rolle spielten für Sie beruflicher Erfolg und Ihre Vereinsarbeit auf dem Weg zu einem ausgeglichenen Selbstverständnis?
Anerkennung, also Erfolg, ist eine Form der Akzeptanz einer Person. Diese Bejahung beginnt immer bei einem selbst, ehe man auch von anderen wahrgenommen wird. Mit meinen ersten beiden Büchern war ich dem Thema weit voraus. Mein drittes Buch, die Autobiografie „Schwestermutter - Ich bin ein Inzestkind" kam 2004 zu einem besseren Zeitpunkt. Es ist bereits in fünfter Auflage auf dem Buchmarkt. In diesem Jahr bestand der Erfolg aus der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande durch den Bundespräsidenten Horst Köhler und der Erhalt des § 173 STGB, für dessen Erhalt ich eine Stellungnahme beim Bundesverfassungsgericht einreichte. Erfolg ist relativ. Die täglichen Anrufe, Briefe, Einladungen und Mails bringen zum Ausdruck, dass das, was ich denke, sage und schreibe, den Menschen aus der Seele spricht, ihre Fragen auf den Punkt bringt, die Menschen berührt und ihre Herzen erreicht. Ihre eigenen Nöte, Hoffnungen auf Gerechtigkeit und Recht. Ihre berechtigten Ansprüche auf Unversehrtheit und Glück. Ihre Empörung und ihr Entsetzen über den Zustand unserer Zeit oder mancher Zeitgenossen. Erfolg ist also immer auch eine Form der Dankbarkeit. Dies ergibt einen Teil meiner Kraft für meine tägliche Arbeit, aber die meiste Kraft beziehe ich aus mir selbst. Letztlich gibt es diesen Verein, weil täglich Anfragen Inzestbetroffener kommen und Institutionen eine Zusammenarbeit mit mir suchen.
R.: Wie schaffen Sie es eigentlich, sich der Vereinsarbeit zu widmen, denn letztlich bringt diese Sie ja auch immer wieder in Kontakt mit Ihren eigenen Erlebnissen?
In meine Vereinsarbeit bringe ich meine ganzen Erfahrungen, Erkenntnisse und mein Wissen ein, aber mein eigenes Inzestschicksal tut in dem Moment nichts zur Sache. Jeder Mensch und jedes Schicksal ist anders, individuell. Auch wenn sich die Bilder und Elemente der Grausamkeit ständig wiederholen. In diesem Moment bin ich aber nicht mit mir oder meinem eigenen Schicksal beschäftigt. Die meisten Inzestverbrechen werden nicht angezeigt, sind verjährt, die Täter wurden nie zur Verantwortung gezogen. Es sind oft ganz praktische Fragen, die Inzestbetroffene an mich stellen. Ich selber beziehe viele Bilder aus der Natur, mache mir beim Laufen Gedanken, lasse aber auf diesem Wege auch viel zurück und kehre erleichtert zurück.
R.: Welche Stärken und Fähigkeiten glauben Sie aufgrund Ihres Lebensweges entwickelt zu haben?
Achtung vor Mensch und Natur, Gesetze und Regeln, Rechte und Plichten, gefolgt von Gelassenheit, unverwüstlichem Optimismus, Wissen und ein tiefverwurzelter Glaube an die Gesetzmäßigkeiten des Lebens. Aber auch die nötige Portion Empathie und Wut, da wo sie wichtig ist.
R.: Was verbinden Sie heute mit den Begriffen Ohnmacht und Verzeihung? Welche Rolle spielt Verzeihung in Ihrem Leben?
Ohnmacht, so verrät dieses Wort, heisst ja, ohne Macht zu sein. Demütigung, auch Reduzierung und Rechtlosigkeit zu erleben. Verzeihen? Verbrechen gegen Kinder sind Seelenmord, mit Totschlag gleichzusetzen. Verbrechen gegen Menschenrechte. Diese darf man nicht verzeihen! Sie sind unverzeihlich. Vergewaltigung ist kein „Fehler", der versehentlich geschieht und über den man folglich großzügig hinweg gehen kann. Ein Fehler ist ein Fehler. Ein Verbrechen aber ist durch nichts wieder gut zu machen. Da gibt es nichts zu verzeihen. Anders ist es mit der Versöhnung mit sich selbst und dem Schicksal, um Frieden im Umgang mit sich selbst zu erlangen. Aber nicht zwecks Absolution für Täter!
R.: Man hat Ihnen als Kind die Unbefangenheit beschnitten. Ist diese Ihnen etwas wert und intergrieren Sie sie in Ihr Leben?
Unbefangenheit ist eine kostbare Eigenschaft, die schnell zerstört ist. Ich möchte nicht darauf verzichten müssen, aber ich gehe nicht wahllos damit um. Aber da, wo ich mich menschlich sicher fühle ist es sehr schön.
R.: Wie schaffen Sie es angesicht von so viel Gewalt und Ignoranz Heiterkeit und Gelassenheit zu bewahren?
Heiterkeit und Gelassenheit sind eine Wohltat für's Gemüt. Lachen ist nicht umsonst die beste Medizin. Für mich ein Zeichen, dass ich wieder lebe, Freude am Leben habe. Ich lache ausgesprochen gern. Meine Freunde schätzen meinen Humor, mein Lachen. Nur so kann ich dieses Thema ertragen und bin dadurch für meine Mitmenschen auch erträglich.
R.: Diskriminierte Menschen flüchten oft in Rollen, die nicht zu ihnen passen. Wie war das bei Ihnen und wie gehen Sie heute mit Rollen um?
Sicherlich gab es Rollen in meinem Leben. Das Schicksal und die daran beteiligten Menschen haben versucht, mir ihre Rollen vorzuschreiben, die sie für mich ausgesucht hatten. Aber ich habe dieses nicht akzeptiert, habe mich auf meine Begabungen und Talente besonnen und mir mein eigenes Drehbuch geschrieben. Das fing schon mit meiner Berufswahl an: „Mach was vernünftiges..." Ich habe gemacht, was ich wollte, nämlich das, was für mich richtig und gut war. Und so ist es bis heute geblieben!
R.: Zum Abschluss eine Frage zu Ihrem Verein: wie unterstützen Sie Betroffene, damit sie innerlich Halt finden und was raten Sie ihnen über Ihre Maßnahmen hinaus für das seelische Heil zu tun?
Zunächst schenke ich meine Aufmerksamkeit und Zeit, höre zu. Die erste Botschaft ist, dass der Inzestbetroffene nicht alleine ist. Manche suchen Anlaufstellen, Anwälte oder Therapeuten, Gesprächsgruppen. Manche möchten meine Meinung zu Inzestfamilien hören. Es tut ihnen gut, wenn ihr eigenes Erleben und Empfinden bestätigt wird. Auch werden manche Mitglied unseres Vereins und nehmen an Begegnungswochenenden teil. Andere schreiben Gedichte, senden mir ihre Werke und bitten um ein Urteil. Oder sie fragen, was sie tun können, um zu gesunden. Ich ermutige Inzestbetroffene immer, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören. Viele Institutionen laden mich ein, unsere Vereine kooperieren. Wichtig ist aber auch, dass ich als Referentin kriminalpolizeiliche und soziale Berufe schule.
Von Stefanie Heine hM03/08
