[UMFRAGE]
Hirnforschung



Dass naturwissenschaftlich-medizinisch und pädagogisch-psychologisch orientierte Wissenschaftler wie Praktiker sich bislang voneinander abzugrenzen suchten, hat nur dazu geführt, dass beide Seiten Potenziale ungenutzt ließen. Unbeachtet blieb die Leistung der neuen empirischen Ansätze der Gehirnforschung (beispielsweise Neurobiologie), neuer theoretische Modelle des Konstruktivismus und der Einsatz neuer Mess- und Abbildungstechniken für Gehirnaktivitäten: Sie helfen Menschen, ihre veralteten Denkschranken zu öffnen. Es ist Zeit, das Potenzial der Vernetzung verschiedener Erkenntnisse zu nutzen:
Wenn Coaching sich als ein wegweisendes Instrument für die Personal- und Managemententwicklung und die Begleitung von Veränderungsprozessen etablieren will, muss es zwangsläufig die neuesten Forschungserkenntnisse über menschliches Verhalten, über Veränderungsbereitschaft sowie über Lernen und Denken aufgreifen.
Coaching stellt die Individualität und Besonderheit des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Genau hier setzt die moderne Gehirnforschung an. Sie zeigt, wie unterschiedlich Menschen gestrickt sind, wie unterschiedlich sie lernen, sich verändern, ihre Ziele entwickeln und miteinander in Austausch treten. Die Wahrnehmung des Einen ist noch lange nicht kompatibel mit der Wahrnehmung des Anderen. Vielfach wird eine schnelle Lösung darin gesehen, dass man behauptet, eine unterschiedliche Perspektive oder verschiedene Interessen sind ausreichende Gründe für andersartige Bewertungen und Interpretationen. Die moderne Gehirnforschung zeigt überzeugend auf, dass sich Individualität nicht aus Interessen alleine erklären lässt, sondern jeder Mensch ganz für sich persönlich Dinge in einer besonderen Art und Weise wahrnimmt. Diese Erkenntnis sollte für einen Coach Grundlagen jedweden Handelns sein. Coaching beschäftigt sich unter anderem mit Blockaden, Widerständen und Performance -
alles Bereiche, die eng mit inneren Verarbeitungsmustern des Coachees verbunden sind. Daher gehört Wissen über das Zusammenspiel von Unbewusstem und Bewusstsein zum Basiswissen eines jeden Coaches. Coaches, die keine Kenntnis von Gehirnaktivitäten und neurologischen Prozessen haben, rutschen bei der Arbeit an diesen Themen schnell in einen ungesteuerten Brain-Mix. Die aktuelle Gehirnforschung bietet hierfür hoch interessante Erkenntnisse an und kann innere Prozesse z.B. über visuelle Verfahren abbilden. Damit kann sie zum Teil bestätigen, was bis vor wenigen Jahren noch eine vage Vermutung war, zum Teil kann sie auf neue Zusammenhänge aufmerksam machen. Als Beispiele seien genannt: die Funktionsweisen von neuronalen Netzwerken, das Zusammenspiel von Synapsen, die Entstehung von Kreativität, die Unterschiedlichkeiten beim Lernen. Viele Interventionen, die aus den Methoden der humanistischen Psychologie stammen, beruhen auf spezifischen Funktionsweisen des Gehirns. In diesen Fällen nicht nur die Wirkung zu erleben, sondern auch den inneren Prozess zu verstehen, ist ein entscheidender Schritt zur Professionalisierung von Coaching.
Patrick Afchain
Obmann der Europäischen Gesellschaft für Coaching, Coach und Zen-Lehrer
Aus der Sicht der Zen-Philosophie besteht der Mensch aus zwei Seiten, die rechte Seite für seine Männlichkeit und die linke Seite für seine Weiblichkeit. Die weibliche Seite bedeutet Sensibilität, Intuition, Geschmack für Kunst und Schönheit, innerliche Kraft sowie Sinnlichkeit. Die rechte Seite steht für Autorität, Durchsetzungsvermögen, logisches Denkvermögen, physische Kraft und Mut. Für ein ausgeglichenes Leben ist die Entwicklung beider Seiten sehr wichtig.
Gerade umgekehrt funktioniert unser Gehirn. So steht die rechte Hemisphäre für unsere Weiblichkeit und damit auch für die Fantasie und das Vorstellungsvermögen. In der linken Hemisphäre ankert unsere Männlichkeit sowie auch das logische und Mentaldenken.
Im Coaching setzen wir verschiedene Werkzeuge ein, damit wir die beiden Denkweisen brauchen, entwickeln und auch verbinden können. Die rechte Hemisphäre wird vor allem gefordert durch Meditationsübungen, Traumreisen und die Arbeit mit Obertoninstrumenten. Diese Hilfsmittel ermöglichen den Einstieg in die Traumwelt, die Welt der Fantasie und der Vorstellung. Auf dem Weg dahin, kann der Kunde die Realität und die damit verbundenen Probleme hinter sich lassen und neue Ideen, Visionen und Projekte konstruieren.
Die linke Hemisphäre hingegen wird durch die Bearbeitung von Erinnerungen an konkrete Ereignisse sowie durch das Verschaffen von wirklichen Situationen und deren Umsetzung gefordert. Damit werden neue Ideen, Ziele und Visionen konkretisiert und können in die Tat umgesetzt werden.
Während der Arbeit mit der rechten Hemisphäre erlebt der Kunde seine Leichtigkeit und die Hoffnung. Wieder Boden unter den Füssen und Kraft für die Realität bekommt er durch das Training der linken Hemisphäre.
Das Limbisches System des Menschen unterstützt die Emotionalität, die Gefühle und das Gemüt. Sitzen oder stehen wir als Coach links des Klienten, so unterstützen wir vollumfänglich sein limbisches System. Er spürt seine eigene Kraft und Macht und kann deshalb die volle Verantwortung für sein Leben wieder übernehmen und ist vor allem mit sich eins.
Klaus Jackisch
Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Ganzheitliches Coaching, System- und Mentalcoach
Wissen über Hirnforschung sehe ich als Selbstverständlichkeit. Wenn ich ein echtes Interesse an der Begleitung des Klienten habe, sollte ich auch wissen, wie er „tickt", d.h. wie funktioniert ein menschliches Gehirn, wie finden Veränderungen statt und wie kann ich Veränderungsprozesse wirkungsvoll begleiten. Veränderungen setzen voraus, erkannte, eingefahrene Denkmuster umzuprogrammieren.
Dazu ein kurzer Ausflug in die Grundlagen des NLP: Der Mensch kommt nicht mit einem bestimmten Programm im Hirn zur Welt, sondern wird durch Erfahrungen mit seinen Bezugspersonen programmiert. Diese Programme sind uns so vertraut, dass sie völlig unbewusst und automatisch ablaufen. Als Coach sollte ich diese neuronalen Prozesse nachvollziehen können, damit ich weiß, wie die eingefahrenen „Verhaltensautobahnen" entstehen und dementsprechend Hilfe für neue Wege bieten kann.
Der lösungsorientierte Ansatz im Coaching bekommt durch die Hirnforschung zusätzliches Gewicht: Veränderungen werden nicht dadurch erzeugt, dass immer wieder das Problem thematisiert und damit die alten Autobahnen weiter ausgebaut werden. Vielmehr sollte der Coach seinen Klienten unterstützen, seine Gedanken neu auszurichten und das Hauptaugenmerk auf die Erarbeitung anderer „neuronaler Autobahnen" legen. Die Hirnforschung hat in den letzten Jahren unser Wissen und unsere Möglichkeiten enorm erweitert. Als Coach sollte ich dieses Wissen zum Vorteil des Klienten nutzen.
